Introversion – die stille Kraft

Frau giesst Blumen Frau giesst Blumen

Persönlichkeitseigenschaften beschreiben stabile Unterschiede in der Art wie Menschen denken, fühlen und sich verhalten. Introversion – Extraversion gilt als eine besonders interessante Dimension der Persönlichkeit, weil sie unsere Sicht auf die Welt grundlegend beeinflusst.

Persönlichkeitsmodelle

Es gibt in der Psychologie viele verschiedene Persönlichkeitsmodelle, aber in praktisch allen findet sich die Dimension Introversion-Extraversion. Erstmals vom Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung erwähnt, beschreiben Introversion und Extraversion zwei entgegengesetzte Pole einer Persönlichkeitseigenschaft.

Introvertiert vs. extrovertiert

Während introvertierte Menschen den Blick eher nach «innen» richten, orientieren sich extravertierte Menschen mehr nach «aussen», also auf die Umwelt und andere Menschen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass es sich dabei um ein Kontinuum handelt, wobei Introversion und Extraversion die beiden Pole bilden. Es gibt also nicht nur rein introvertierte und rein extravertierte Menschen, sondern auch ganz viele Varianten dazwischen.

Folgende Beispiele sollen diese Unterscheidung noch verdeutlichen:

Introvertierte Menschen…
  • … mögen ruhige Umgebungen.
  • … haben wenige, tiefe Freundschaften.
  • … denken, bevor sie sprechen.
  • … sind gute Zuhörer.
Extravertierte Menschen…
  • … mögen lebhafte Umgebungen.
  • … haben viele, lose Bekannte.
  • … sprechen, um sich ihrer Gedanken bewusst zu werden.
  • … sind gute Unterhalter.

Wie man sich gut vorstellen kann, zeigen sich diese unterschiedlichen Haltungen deutlich im alltäglichen Verhalten und besonders in der Interaktion mit anderen Menschen. Während extravertierte Menschen häufig als offen und gesellig wahrgenommen werden, wirken introvertierte Personen oft verschlossen. Es lohnt sich jedoch ein Blick hinter die Kulissen.

Der stille Beobachter

Introvertierte Menschen werden von ihrem Umfeld oft als still und zurückhaltend wahrgenommen. Besonders in Gruppen halten sie sich gerne im Hintergrund. Dies führt dazu, dass Introversion häufig mit Schüchternheit verwechselt wird. Dies ist aber ein Irrtum, da introvertierte Menschen nicht zwingend schüchtern sind.

Stille Menschen haben die lautesten Gedanken.
Stephen Hawking

Auch wenn das Verhalten vielleicht dasselbe ist (z.B. Zurückhaltung in Gesprächen), ist der Grund dafür doch ein ganz anderer. Schüchterne Menschen wagen es nicht, auf andere Menschen zuzugehen, weil sie Angst haben sich zu blamieren oder zurückgewiesen zu werden. Anders sieht es bei introvertierten Personen aus. Sie haben schlicht ein grösseres Bedürfnis nach Ruhe und suchen deswegen weniger sozialen Kontakt. Sie fühlen sich wohl alleine und blühen förmlich auf, wenn sie Zeit für sich selber und ihre Gedanken haben.

Introversion in einer lauten Welt

Man schätzt heute, dass rund 25% der Menschen eher introvertiert und 75% extravertiert veranlagt sind. Damit sind introvertierte Menschen in der Minderheit und haben wohl auch deshalb immer wieder mit Missverständnissen zu kämpfen. Geselligkeit hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert und viele Strukturen sind eher den Bedürfnissen von extravertierten Personen angepasst (z.B. Ferienlager für Kinder oder Grossraumbüros in Unternehmen). Damit auch introvertierte Menschen ihr volles Potential ausschöpfen können, ist das richtige Gleichgewicht entscheidend.

Zeit für sich

Nach einem langen Tag mit vielen sozialen Kontakten brauchen introvertierte Personen wieder Zeit für sich selber, in der sie Ruhe finden und ihre Batterien aufladen können. Gelingt dies, können sie anschliessend auch wieder «lautere Zeiten» gut meistern. Im Arbeitskontext wird auch häufig auf die richtige Mischung zwischen Gruppendiskussionen und Einzelarbeit hingewiesen. Introvertierte Menschen können in Diskussionen oft nicht all ihre Ideen einbringen, da sie tendenziell länger brauchen um ihre Gedanken zu formulieren. Die Möglichkeit, Inputs auch noch nach einer Sitzung nachreichen zu können, ist eine gute Variante um auch die Ideen von introvertierten Mitarbeitenden miteinzubeziehen.

Die Chemie in introvertierten Köpfen

Introversion ist eine angeborene Persönlichkeitseigenschaft, die über das ganze Leben hinweg relativ stabil bleibt. Aus medizinischen Untersuchungen weiss man heute, dass dies auch neuronale Ursachen hat. Das Gehirn von introvertierten Menschen nimmt äussere Reize stärker wahr. Somit kann es schneller zu einer Reizüberflutung beispielsweise durch Geräusche, Licht oder visuelle Eindrücke kommen. Damit lässt sich auch erklären, warum introvertierte Personen in ruhigen, reizarmen Umgebungen gut auftanken können und grosse Menschenmengen als Herausforderung erleben.

Sicht auf die Welt

Wie schon zu Beginn erwähnt, prägen Persönlichkeitseigenschaften unsere Sicht auf die Welt. Es gibt aber nicht bessere oder schlechtere Persönlichkeitsmerkmale. Sowohl eine eher introvertierte als auch eine eher extravertierte Persönlichkeit hat viele Stärken und Potentiale – es gilt diese zu kennen und gezielt zu nutzen.